FREMDE FEDERN

 

#culturalappropriation

 

Bindi & Babouche: Schon immer haben Bräuche und Symbole verschiedener Kulturkreise die Mode inspiriert.

Über den schmalen Grat zwischen Respekt und Ausbeute. 

 

ERSCHIENEN IN TRACES: FASHION & MIGRATION (PRINT)

In der Sommerkollektion 2017 zog Marc Jacobs alle Register. Seine Entwürfe verwandelten die Models in Feen, Harajuku-Mädchen und Rave-Prinzessinnen. Die Kollektion sorgte schnell für mediales Echo, allerdings nicht für das gewünschte. Denn um die Entwürfe ging es nicht, es waren die Frisuren, welche die Show kontrovers sein ließen – regenbogenfarbene Dreadlocks aus Wolle, zu hohen Buns zusammengesteckt. „Weiße Mädchen tragen Dreadlocks“, titelte Harper’s Bazaar. Auf Twitter brach ein Shitstorm aus: „Dreadlocks sind Teil afroamerikanischer Kultur. Nichts, was DU verkaufen oder benutzen darfst!“, erboste sich Userin Mania. Hunderte bombardierten den Designer mit ihrem Zorn. Auch seine Herleitung wird als white-washed verurteilt: London in den 1980er-Jahren, Boy George und das Festival Burning Man. Kein Wort über die Rastafari-Religion oder die afroamerikanische Bürgerbewegung der 1960er-Jahre, die Dreadlocks zum politischen Statement machte. Der Vorwurf der Cultural Appropriation fliegt Marc Jacobs um die Ohren.

 

Cultural was? Kulturelle Aneignung heißt der Vorwurf, sperrig übersetzt. Kulturelle Entwendung kommt der Bedeutung näher. Deutsche Medien tun sich noch etwas schwer damit, in den Staaten und im Netz wird das Phänomen scharf diskutiert. Darf man sich bei Symboliken anderer Kulturen nach Lust und Laune bedienen? Wo fängt Ausbeutung an? Schließlich gibt es auch Cultural Appreciation, die Wertschätzung einer fremden Kultur, aus der Inspiration gezogen und deren Symbolik als Hommage übernommen wird. Die Grenze ist nicht klar gezogen. Was dem einen ein hübsches Accessoire ist, hat dem anderen ernste Bedeutung, ist religiös oder politisch aufgeladen. Aneignung wird in solchen Fällen als Angriff auf die jeweilige kulturelle Identität gesehen. Das Hauptproblem ist meist nicht die Aneignung selbst, sondern das damit einhergehende gesellschaftliche Ungleichgewicht, wie auch im Fall Marc Jacobs’. Dreadlocks galten lange als asozial und ungepflegt, als Frisuren des schwarzen Ghettos. Plötzlich, weil Weiße sie tragen, sind sie Trend. Der Vorwurf der Bigotterie ist nachvollziehbar.  Es sind nicht nur die Afroamerikaner, die gegen eine kulturelle Aneignung ihrer Stile und Symbole protestieren.

 

Auch First Nations wollen es nicht länger hinnehmen, dass ihr Kulturgut in einen anderen, oft modischen Kontext gestellt wird. Das Warbonnet etwa, eine traditionelle Federhaube, die männlichen Kriegern oder Stammesoberhäuptern vorbehalten ist. Jede einzelne Feder muss durch besonderen Einsatz für die Gesellschaft oder durch kriegerische Tapferkeit verdient werden. Die Modebranche nutzt das Warbonnet als Gimmick. Karlie Kloss trägt es auf dem Victoria’s-Secret-Laufsteg, Toni Garrn lässt sich damit für die Vogue ablichten, Pharell Williams schmückt sich mit der bunten Federkrone auf dem Cover der Elle. Schließlich landet das Warbonnet als Festival-Accessoire in den Regalen von Urban Outfitters oder Free People, und von dort auf den Köpfen junger Mädchen, die damit für Instagram posieren. Es ist das Symbol der Cultural Appropriation. Es steht für eine Ethnie, die durch Kolonisation beinahe ausgerottet und deren Kultur systematisch unterdrückt wurde, bis sich der weiße Mainstream dieser Kultur als lustiger Verkleidung bemächtigte. „Ein Genozid an rund 600.000 amerikanischen Ureinwohnern, der erst vor gut 100 Jahren ein Ende nahm. Die Überlebenden abgeschoben in Reservate, in denen sie größtenteils noch heute leben. […] Und du willst dich wie eine lächerliche Karikatur eines Häuptlings verkleiden, in dem du dir einfach das Imitat eines heiligen, nur von der Gemeinschaft verleihbaren Insignie überstülpst?“, schreibt das Onlinemagazin Noisey.

 

Auch Elemente der indischen Kultur werden modisch adaptiert. So sind Mehndis, die verschnörkelte Bemalung von Händen, Armen und Beinen mit Henna, zu einem Trend geworden, den Stars wie Madonna popularisierten. Auch das Bindi erfreut sich großer Beliebtheit. Das Ornament wird in der Mitte der Stirn aufgemalt oder als Schmuckaufkleber angebracht. Der traditionell rote Punkt ist Zeichen der verheirateten Frau, soll sie und ihren Gatten beschützen. Schon in den 1990er-Jahren von Gwen Stefani benutzt, erlebt es ein Revival auf den Gesichtern retro-hippiesker Hipster. Indische Frauen protestieren unter dem Hashtag #reclaimthebindi – „unsere Kultur ist kein Accessoire“.

 

„Kulturelle Wertschätzung heißt, dass es einen fairen Austausch zwischen Wirtschaftsmacht und Kulturgut gibt, von beiden Parteien gleichermaßen anerkannt und respektiert. Zwischen Zelebrieren und Kommerzialisieren ist es ein schmaler Grat. Kulturelle Ausbeutung ist immer dann, wenn eine Geschichte oder ein Lebensstil auf die Ästhetik reduziert wird“, erklärt Art-Hoe-Collective-Gründerin und Aktivistin Gabrielle Richardson das Problem. Ingrid Chou, Kreativdirektorin des Museum of Modern Art, stellte früh die Frage: „Was wird aus Symbolen und Gütern fremdländischer und nicht-industrieller Kulturen, wenn sie als rein ästhetischer Ausdruck in die westliche Kultur des 20. Jahrhunderts integriert werden?“ Sie argumentiert, dass den Dingen jegliche Verbindung zu ihrer Geschichte und Tradition verloren geht. Sie werden zu leeren Symbolen des Exotismus. „Extrahiert man nur die ästhetischen Elemente oder den kulturellen Code eines anderen Landes, entsteht ein Mystizismus der fremden Region, ohne ihr wahres Verständnis entgegen zu bringen. Oftmals wird so ein kompletter Look geklaut, ohne dass sich der Designer bewusst mit dessen historischer Einordnung oder dem Ursprungsort auseinandersetzt. Die Geschichte geht verloren.“ Problematisch ist nicht nur der fehlende Respekt vor heiligen oder kulturell aufgeladenen Gegenständen, sondern auch das damit einhergehende wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen der milliardenschweren Modeindustrie und den Künstlern, Schneidern oder Juwelieren aus den jeweiligen Kulturkreisen. Die Gesellschaften, die als Inspirationsquelle und Klischeekulisse dienen, profitieren nicht vom Ethnoboom. Geistiges Eigentum wird profitbringend von einer privilegierten Elite übernommen, vollkommen ohne Gegenleistung. Das Luxuslabel Celiné brachte 2016 Edel-Schlappen auf den Markt, inspiriert von marokkanischen Babouche-Slippern. Gut 600 Euro kostete ein Paar. Das Design der Babouche stammt aus Nordafrika, wird dort seit Jahrhunderten zu einem Bruchteil des Preises hergestellt. Ein Paradebeispiel der Cultural Appropriation.

 

Doch ist Mode auch ohne fremde Kultur schlicht nicht denkbar. Mode bedient sich, leiht aus, schafft Neues auf Grundlage von Altem, macht sich Fremdartiges zu eigen. In traditionellen Gewändern und Kleiderordnungen liegt der Ursprung der Mode, wie wir sie kennen. Die Aneignung fremder Symbolik, Textilien, Muster und Schnitte zieht sich als roter Faden durch die Modegeschichte. Schon die Römer schätzen aus China importierte Seidenstoffe. Im 14. Jahrhundert ahmten europäische Textilmanufakturen die beim Adel beliebten asiatischen Designs und Stickereien nach, um sie in der weniger gut situierten Gesellschaft zu vermarkten. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand Madeleine Vionnet, gern als „Mutter aller Couturiers“ bezeichnet, die Inspiration zu ihren revolutionären Schnitten in Zeichnungen aus dem antiken Griechenland. Die fließenden Drapierungen der alten Hochkultur beeinflussten ihre Arbeit maßgebend. Ihr Zeitgenosse Paul Poiret gab sich mit einem eklektischen Konglomerat aus byzantinischen, arabischen und chinesischen Einflüssen einer regelrechten Orientalismus-Manie hin. In den 1970er-Jahren prägt Yves Saint Laurent die Haut Couture mit farbenfrohen Entwürfen, inspiriert von den Stilen Marokkos, wohin es die internationale Bohème zieht. Europäische und amerikanische Teenager kleiden sich in billigen Blusen mit exotisch anmutenden Stickereien, mit orientalischen Mustern bedruckten Schals. Nichts davon ist authentisch.  Das Konzept der Blending Cultures – der Vermischung unterschiedlicher kultureller Einflüsse – ist kein neues. Doch ist die Problematik der Cultural Appropriation aktuell.  Die Winterkollektion 2015 von Desquared2 bestand aus bunten Mänteln und Ponchos, die Muster ein Abklatsch traditioneller First-Nation-Designs, kombiniert mit Stücken, die an britische Militäruniformen erinnerten. Das Label beschrieb die Kollektion als Zusammenspiel zwischen den Stilen indianischer Stämme und dem „edlen Geist des alten Europas“. Lisa Charleyboy, Gründerin des Urban Native Girl Magazins, kommentierte empört: „Die romantische Verklärung der Kolonialisierung.“

 

Globalisierung und Digitalisierung haben die Mode demokratisiert. War die Urteilsbildung früher Modekritikern vorbehalten, ist sie jetzt jedem möglich. Deshalb ist es heute wichtiger denn je, klar zu unterscheiden, was Cultural Appreciation und Cultural Appropriation bedeuten und wie sie sich unterscheiden. Unwissen darf keine Ausrede sein. Es wird als in der Verantwortung eines jeden Modehauses gesehen, zu überprüfen, wie Kleidungsstücke produziert werden. Ebenso verantwortungsbewusst sollte auch mit dem geistigen Eigentum fremder Kulturen, mit deren Bräuchen und Symbolen umgegangen werden.   Wie es anders geht, zeigt das Luxuslabel Valentino. 2016 ließen sich die Chefdesigner Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli von indianischen Mustern inspirieren. Anstatt diese jedoch zu kopieren, arbeitete das Duo mit der Künstlerin Christi Belcourt zusammen, die den kanadischen Métis angehört. Es entstand eine innovative Kollektion zeitgenössischer Prints und Stickereien. Die Kollaboration ist ein Paradebeispiel für den reflektierten, respektvollen Umgang mit anderen Kulturen.

 

Ein weiteres Beispiel ist der indischstämmige Designer Ashish Gupta. Die Entwürfe des Central-Saint-Martins-Absolventen sind maßgeblich von der Kultur seines Heimatlandes geprägt. Die Kleidungsstücke lässt er in Indien in Handarbeit anfertigen – es entstehen authentische Produkte, die Arbeitsplätze für lokale Schneidereien schaffen und das alte Handwerk bewahren. Gupta mischt traditionelle indische Stoffe und Muster mit westlichen Schnitten, Slip-Kleider mit Sari und Sherwani. Seine Sommerkollektion 2017 ist politisch motiviert: „Ich möchte die indische Kultur Großbritanniens feiern“, erklärt er. „Ich war tief erschüttert vom Brexit-Votum, es hat mir das Herz gebrochen. Ich wollte ein Statement setzen und daran erinnern, wie sehr sie in diesem Land integriert ist.“ Gupta Ashish gibt dem Thema Cultural Appreciation den politisch notwendigen Raum. Damit ist ein Vorbild auf interkultureller Ebene, ein Verfechter dringend notwendiger Diversität in der Modebranche.